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In Kür­ze: Die­ser Bei­trag han­delt von einem Pro­jekt für die Main­zer Mini­pres­sen-Mes­se 2025.
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Der Bücherschrank und die Zahl 137

Es gibt eine Zahl in der Phy­sik, die nie­mand erklä­ren kann und die trotz­dem alles zusam­men­hält. Ihr Wert beträgt unge­fähr 1137. Sie heißt Fein­struk­tur­kon­stan­te, ist dimen­si­ons­los, und ver­bin­det drei der fun­da­men­tals­ten Grö­ßen der Phy­sik mit­ein­an­der: Licht­ge­schwin­dig­keit, Quan­ten­kon­stan­te, elek­tri­sche Ladung. Wür­de ihr Wert auch nur gering­fü­gig abwei­chen, gäbe es kei­ne Mate­rie in der Form, die wir ken­nen – kei­ne Ster­ne, kei­ne Mole­kü­le, kein Leben. Nie­mand weiß, war­um sie genau die­sen Wert hat. Sie ist ein­fach da. Und sie wirkt.

137 ist die Umkeh­rung die­ses Geheim­nis­ses – eine Zahl, die auf Phy­si­ker seit Jahr­zehn­ten eine eigen­tüm­li­che Fas­zi­na­ti­on aus­übt, gera­de weil sie sich der Erklä­rung ent­zieht. Richard Feyn­man nann­te sie eines der größ­ten Mys­te­ri­en der Phy­sik. Max Born hat ihr 1935 in Banga­lo­re einen gan­zen Vor­trag gewid­met, der bis heu­te lesens­wert ist. Und Wolf­gang Pau­li soll auf dem Ster­be­bett erfah­ren haben, dass man ihm das Zim­mer Num­mer 137 zuge­wie­sen hat­te. Der Phy­si­ker Pau­li, der sich über sei­ne gan­ze Lebens­zeit immer wie­der mit mög­li­chen Bedeu­tun­gen der 137 beschäf­tigt hat, sah dar­in eine kon­se­quen­te Koin­zi­denz, die er nicht kom­men­tier­te, wohl aber bemerkte.

Was aber hat die­se Zahl mit Büchern zu tun?

Eine Auswahl, die sich selbst gefunden hat

Aus­gangs­punkt die­ses Pro­jekts ist ein alter Bücher­schrank, ein schlich­tes Möbel aus den 1920er Jah­ren, das über die Zeit zu einer klei­nen Prä­senz­bi­blio­thek wur­de, zu einem Ort für Bücher, die nicht archi­viert, son­dern in der Nähe gehal­ten wer­den wol­len. Bücher, die wir­ken, auch wenn man gera­de nicht in ihnen liest. Kei­ne Samm­lung nach Kate­go­rie oder Sys­tem, son­dern eine Gesell­schaft, die über die Zeit still zusam­men­ge­fun­den hat.

Die Idee war zunächst ein­fach: Ich woll­te für die­ses Möbel 137 Bücher aus mei­nem Gesamt­be­stand aus­wäh­len oder viel­mehr beob­ach­ten, wie die Aus­wahl zusam­men­fin­det, mich von ihr über­ra­schen las­sen. Wel­che Titel drän­gen sich auf? Wel­che ver­schwin­den wie­der? Wel­che Wer­ke fin­den sich – ohne dass man es plant – zu einer Gemein­schaft zusammen?

Die­ser Pro­zess dau­er­te rund sechs Mona­te. Er war anstren­gend und erhel­lend auf eine Wei­se, die sich erst im Nach­hin­ein zeig­te. Man­che Bücher waren von Anfang an gesetzt und blie­ben. Ande­re stie­ßen erst im letz­ten Moment dazu, wie­der ande­re ver­lie­ßen den Kreis kurz vor dem Ende. Eini­ge erhiel­ten eine zwei­te, eine drit­te Chan­ce. Eines hat es sogar geschafft, dop­pelt prä­sent zu sein. War­um, das klärt der beglei­ten­de Text, vielleicht.

Am Ende stan­den 137 Wer­ke, die nicht nach Voll­stän­dig­keit oder Reprä­sen­ta­ti­vi­tät zusam­men­ge­fun­den hat­ten, son­dern nach einer inne­ren Logik, die sich der ein­fa­chen Erklä­rung ent­zieht. Hier scheint eine Ähn­lich­keit mit der Zahl, die dem Pro­jekt sei­nen Namen gibt, auf. Tex­te aus der Anti­ke neben Gegen­warts­phi­lo­so­phie. Dich­tung neben Traum­deu­tung. Thea­ter neben Stil­le. Homer neben Blan­chot. Kind­heits­er­in­ne­rung neben Erkenntnistheorie.

Das Ergeb­nis ist weder ein Kanon noch ein Pro­gramm. Es ist eine Kon­stel­la­ti­on, die sich aus dem Unbe­stimm­ten geho­ben hat.

Das Buch als Mittler

137 Bücher befin­den sich gemein­sam in einem Schrank. Das ist nicht nur als Samm­lung zu ver­ste­hen. Es ist der Ver­such, die Fein­struk­tur­kon­stan­te in die Lebens­welt zu über­set­zen und folgt der Idee, dass zwi­schen schein­bar unver­bun­de­nen Kräf­ten ein geheim­nis­vol­ler, nicht voll­stän­dig erklär­ba­rer Zusam­men­hang bestehen kann, der trotz­dem – oder gera­de des­halb – trägt. So wie α drei Grund­kon­stan­ten der Phy­sik ver­bin­det, ver­bin­det der Bücher­schrank Tex­te, die aus völ­lig ver­schie­de­nen Epo­chen, Dis­zi­pli­nen und Tem­pe­ra­men­ten stam­men und ein­an­der den­noch ant­wor­ten, ohne es zu wissen.

Das Buch, so ver­stan­den, ist ein Mitt­ler. Zwi­schen Gedach­tem und Gespro­che­nem, zwi­schen dem Toten und dem Leben­di­gen, zwi­schen dem, der schreibt, und dem, der liest – und dabei selbst gele­sen wird usw. Es ist Objekt und Vor­gang zugleich, Ding mit Gewicht und Geruch und gleich­zei­tig ein Gesche­hen, das aus­schließ­lich im Bewusst­sein des Lesers statt­fin­det. Kein Mensch liest das­sel­be Buch wie ein anderer.

Die­sen Gedan­ken ent­fal­tet der beglei­ten­de Text Der Bücher­schrank und die Zahl 137. Die­ses Buch ist weder Sach­buch noch Kata­log und auch kei­ne Biblio­gra­fie, son­dern ein Essay, der sich von Kapi­tel zu Kapi­tel vor­ar­bei­tet, ein Gespräch, das sei­ne eige­ne Rich­tung sucht. Die Kapi­tel­wahl selbst ist dabei Pro­gramm: Homer und de Sade. Traum und Dicht­kunst. Thea­ter und Kind­heit. Bor­ges und ein lee­res Notiz­buch. Mon­tai­gne und das Schwei­gen einer Schau­spie­le­rin, das 137 Sekun­den dauert.

Jedes die­ser Kapi­tel steht für sich. Und nur des­halb ent­steht zwi­schen ihnen ein Zusammenspiel.

Der Text ist in einer bewusst gewähl­ten Form gehal­ten: asso­zia­tiv, frag­men­ta­risch, offen. Mut­ma­ßun­gen ste­hen vor Gewiss­hei­ten. Zita­te dür­fen für sich spre­chen, ohne voll­stän­dig kom­men­tiert zu wer­den. Die Rei­hen­fol­ge der Gedan­ken hät­te auch eine ande­re sein kön­nen und wäre trotz­dem nicht falsch gewe­sen. Das ist kei­ne Nach­läs­sig­keit, son­dern eine Hal­tung – die Über­zeu­gung, dass sich man­chen The­men nur nahe fin­den lässt, wenn der Schlei­er der Kon­ven­ti­on kei­ne Rol­le spielt.

Der Text ist unvoll­stän­dig, und das ist kei­ne Ent­schul­di­gung, son­dern eine Aus­sa­ge: Unvoll­stän­dig­keit als Offen­heit, als Ein­la­dung, als ehr­lichs­te Form des Abschlusses.

Präsentation auf der Mainzer Minipressen-Messe 2025

Im Mai und Juni 2025 wur­de das Pro­jekt erst­mals öffent­lich vor­ge­stellt. Auf der Main­zer Mini­pres­sen-Mes­se, einer der bedeu­tends­ten Ver­an­stal­tun­gen für unab­hän­gi­ges Publi­zie­ren im deutsch­spra­chi­gen Raum, hat­te ich einen Stand, an dem ich in das Gespräch »Zur Sache des Buches« ein­ge­lud. War­um dort? Die Mes­se ver­sam­melt alle zwei Jah­re Ver­la­ge, Künst­ler­bü­cher, Edi­tio­nen und Pro­jek­te, die außer­halb des gro­ßen Buch­markts ent­ste­hen und gera­de des­halb sehr leben­di­ge Fra­gen stel­len. Außer­dem lebe ich in Mainz. Da bot sich eine Mes­se nicht nur an, da dräng­te sich der Gedan­ke auf.

So fan­den der Bücher­schrank und die Zahl 137 ins Gespräch: mit Besu­che­rin­nen und Besu­chern, die sich auf das Unge­wöhn­li­che ein­las­sen woll­ten, die neu­gie­rig waren auf eine Buch­aus­wahl, die kei­ne Lese­lis­te sein will und auf einen Text, der kei­ne Rezen­sio­nen lie­fert, son­dern Reso­nan­zen. Die Reso­nanz war ermu­ti­gend und hat die Ent­schei­dung bestärkt, die Vor­ab­ver­si­on des Tex­tes zugäng­lich zu machen, Feh­ler und Unfer­tig­kei­ten eingeschlossen.

Denn auch das gehört zur Hal­tung die­ses Pro­jekts: Wer auf Voll­endung war­tet, bevor er ins Gespräch tritt, war­tet oft zu lang.

Einblick in den Schrank

Ich stel­le Ihnen auch eine hoch­auf­ge­lös­te Foto­gra­fie des geöff­ne­ten Bücher­schranks zur Ver­fü­gung. Die Buch­rü­cken sind les­bar, die Zusam­men­set­zung ist sicht­bar, die Gesell­schaft der 137 zeigt sich. Wer möch­te, kann sich hier einen ersten, eige­nen Ein­druck ver­schaf­fen, bevor der Text das Gespräch über­nimmt. Wer die Titel kennt, wird Ver­bin­dun­gen ent­de­cken. Wer sie nicht kennt, wird Neu­gier ent­wi­ckeln. Bei­des ist willkommen.

Für die best­mög­li­che Dar­stel­lung des PDFs emp­fiehlt sich das loka­le Spei­chern und das Öff­nen mit Ado­be Acro­bat – die Zwei­sei­ten­an­sicht, für die der Text gestal­tet wur­de, stel­len die meis­ten Brow­ser nicht adäquat dar.

→ Foto­gra­fie des Bücherschranks

→ Der Bücher­schrank und die Zahl 137 – Text als PDF

Die Ver­ge­sell­schaf­tung von Büchern fin­den Sie übri­gens auch in ein paar ande­ren Pro­jek­ten (wenn auch in klei­ne­rer Form). Ach­ten Sie auf die Bilder.

Das ursprüng­li­che Vor­schau­bild zu die­sem Bei­trag: Eine klei­ne Zusam­men­stel­lung aus fol­gen­den Zuta­ten: unten das Göt­zen­buch von Bru­no Schulz in zwei Aus­ga­ben (Deutsch und Pol­nisch, Eng­lisch oder Fran­zö­sisch – ich weiß es nicht mehr), auf dem hin­te­ren Ein­band liegt mit­tig ein lan­ger dün­ner hell­blau­er Faden, der zu einem Kreis gewi­ckelt ist. Eine Ebe­ne davor sehen wir ein Papier aus dem fiu-Ver­lag », in das wohl einer der von dort bezo­ge­nen Titel (schön) ver­packt war. »Hase und Son­ne« von Joseph Beuys, gold­gelb auf blau­em Papier mit beson­de­rer Hap­tik. Ganz oben liegt ein (in die­ser Kom­po­si­ti­on stark ver­grö­ßer­ter) klei­ner Zet­tel aus dem Hau­se »Tipp-Ex«, der einer Schreib­ma­schi­ne bei­lag. Abge­se­hen von (schein­bar) wahrlos/wahllos getipp­ten Zei­chen, fin­det sich ganz klar die Zei­chen­fol­ge »Marx«. Und jetzt hört die wei­te­re Beschäf­ti­gung mit dem Bild auf, oder es wird schwie­rig. Sie sehen, Sie kön­nen es nach­voll­zie­hen. Drei Zuta­ten und kei­ne Absicht – das reicht schon, damit ein Bedeu­tungs­über­schuss ent­steht, der es in sich hat, haben kann.

Zur Zahl 137 – Hinweise zum Weiterlesen

Wer dem phy­si­ka­li­schen Hin­ter­grund nach­spü­ren möch­te, dem sei Max Borns Vor­trag über das Mys­te­ri­um der Fein­struk­tur­kon­stan­te aus dem Jahr 1935 emp­foh­len. Es ist prä­zi­se, zugäng­lich und bis heu­te lesens­wert. Eine Such­an­fra­ge nach »Max Born 137« führt direkt zu einem PDF der Indi­an Aca­de­my of Sciences.

Wer dar­über hin­aus gehen möch­te, fin­det in der Kab­ba­la einen ganz ande­ren, einen älte­ren Bedeu­tungs­raum für die­se Zahl – einen, der nicht erklärt, son­dern erfah­ren sein will und der den Erfah­rungs­raum des Lesers erheb­lich wei­tet. Auch hier gilt: Ein ers­ter Ein­stieg genügt, um zu ahnen, wie weit das Feld reicht.

Die Zahl 137 ver­bin­det also Phy­sik, Mys­tik und – in die­sem Pro­jekt – die Kul­tur des Buches. Drei Fel­der, die ein­an­der nor­ma­ler­wei­se nicht begeg­nen und die hier, in einem alten Schrank, eine uner­war­te­te Kon­stel­la­ti­on bilden.

Viel­leicht ist das die eigent­li­che The­se des Pro­jekts: dass sol­che Kon­stel­la­tio­nen mög­lich sind, dass Bücher, wenn man ihnen genug Zeit und Auf­merk­sam­keit gibt, Zusam­men­hän­ge sicht­bar machen, die vor­her nicht zu sehen waren. Und dass das Geheim­nis einer Zahl und das Geheim­nis eines gut gele­se­nen Buches viel­leicht nicht so ver­schie­den sind. Bei­de ent­zie­hen sich der voll­stän­di­gen Erklä­rung, bei­de wir­ken trotz­dem, bei­de hin­ter­las­sen etwas, das bleibt.

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