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In Kür­ze: Gedächt­nis und Erin­ne­rung – essay­is­ti­sche Pro­sa als Form der Nähe­rung
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Trichterwinde – eine Blüte, die sich täglich öffnet und schließt.

Der Anfang liegt in den Buchstaben

Ana­gram­me: Gedaecht­nis und Erin­ne­rungrau­chig rin­nend, unge­sen­detSinn tugend­rei­cher Ungna­de – in Nie­der­gang unter­su­chendNeu­ein­tra­gung schnei­derndErin­ne­rung und Gedaechtnis

Die­sel­ben Buch­sta­ben, immer wie­der neu geord­net. Was wir tra­gen, wol­len und müs­sen wir auch ertra­gen. Ertrag trägt uns. Nichts wird erfun­den. Es muss nur anders gefun­den, anders gele­sen werden.

Das ist zugleich das Pro­gramm des Textes. 

Was ist das für ein »eigent­hüm­li­ches« Desideratum?

Was Sie erwartet

Sie gestat­ten, dass ich Ihre Erwar­tung nüch­tern for­mu­lie­re. Mich ernüch­tert der Gedan­ke, dass sie wohl nur Auf­merk­sam­keit und Inter­es­se auf­brin­gen, ent­ge­gen­brin­gen, wenn ich Sie an den rich­ti­gen Stel­len und mit den rich­ti­gen Instru­men­ten kitzle.

Eine Frau sitzt beim Fami­li­en­es­sen. Ihr gegen­über sitzt der Vater der Braut ihres Soh­nes. Ein Mann, den sie erkennt, der sie nicht erkennt, nicht erin­nert. Braut und Bräu­ti­gam sind Halb­ge­schwis­ter, und das weiß nur sie – seit Jahrzehnten.

Das geschlos­se­ne Ele­ment beginnt in die­sem Moment. Oder kehrt zu ihm zurück. Die Erzäh­le­rin sitzt am Schreib­tisch ihres ver­stor­be­nen Vaters und schreibt. Sie schreibt neun Brie­fe, neun Kas­si­ber, die sie nicht abschi­cken wird. Sie schreibt, um sich von außen lesen zu kön­nen. Um das, was sie trägt, in eine Form zu brin­gen, die außer­halb ihres Kör­pers existiert.

Was Sie beim Lesen erwar­tet, ist kei­ne Auf­lö­sung. Der Text stellt kei­ne Fra­ge, die er dann beant­wor­tet. Er folgt einer Stim­me, die ver­sucht, ehr­lich zu sein: zu sich selbst, zur Geschich­te, zum Leser.

Schreiben als Erkenntnisform

Um viel­leicht doch – viel­leicht irgend­wann – frei wer­den zu kön­nen, schrei­be ich, schrei­be ich auf, wer­de zur Lese­rin, sehe mich schreiben.

Der Text han­delt nicht nur von Gedächt­nis und Erin­ne­rung, er voll­zieht ihren Unter­schied im Schrei­ben selbst. Solan­ge das Erleb­te im Kör­per kreist, bleibt es unun­ter­scheid­bar: Gedächt­nis oder Erin­ne­rung, Ent­schei­dung oder Schick­sal, Lüge oder Lie­be. Erst durch das Schrei­ben, durch den Umweg über die Spra­che, wird das Erleb­nis zur Geschich­te. Und erst als Geschich­te kann die Erzäh­le­rin ihr von außen zusehen.

Das Schrei­ben ist hier kei­ne The­ra­pie und kein Geständ­nis. Es ist eine Erkennt­nis­form – die ein­zi­ge, die der Erzäh­le­rin zur Ver­fü­gung steht, weil sie die ein­zi­ge Form ist, die gleich­zei­tig schwei­gen und spre­chen kann.

Gedächtnis und Erinnerung – zwei Farben

Die Erzäh­le­rin trennt früh, was wir im All­tag oft gleichsetzen.

Das Gedächt­nis ist blau. Still. Es ist das Geheim­nis, das so lan­ge getra­gen wur­de, dass es auf­ge­hört hat, eine Ent­schei­dung zu sein. Es ist Kör­per gewor­den, Unter­grund. Man lebt dar­in wie in der Far­be eines Rau­mes, die man irgend­wann auf­ge­hört hat zu sehen.

Die Erin­ne­rung ist rot. Sie hat Tem­pe­ra­tur und Geschwin­dig­keit. Sie kommt nicht, wenn man sie ruft. Sie kommt, wenn man sie nicht ruft. Der Moment beim Fami­li­en­es­sen ist ein sol­ches Rot: ein Ein­schlag, der das jahr­zehn­te­lan­ge Blau mit einem Schlag aufbricht.

Farb­sys­te­me ken­nen kei­ne Innenrevision.

Was über drei­ßig Jah­re zur Form gewor­den ist, kann sich nicht von innen her­aus umschrei­ben. Es braucht das Ereig­nis von außen. Und das Ereig­nis kommt.

Eine Stimme zwischen Ich und Sie

Die Erzäh­le­rin wech­selt zwi­schen der ersten und der drit­ten Per­son, manch­mal inner­halb des­sel­ben Abschnitts. Die drei Tei­le des Tex­tes tra­gen die Über­schrif­ten Ich, ich, ich und Wir, wir, wir und Sie, sie, sie.

Das ist kei­ne Spie­le­rei. Es ist die ein­zig ehr­li­che Hal­tung zu einer Geschich­te, die zu nah ist, um voll­stän­dig in der ersten Per­son gehal­ten zu wer­den, und zu eigen, um sie ganz an eine Drit­te abzu­ge­ben. Die Bewe­gung zwi­schen den Pro­no­men ist selbst schon Inhalt: der Ver­such, sich selbst auf Abstand zu brin­gen, ohne sich zu verlieren.

Der Kreis

Die Erzäh­le­rin zeich­net am Schreib­tisch einen Kreis und sieht dar­in gleich­zei­tig ein Auge, ein klei­nes O, ein gro­ßes O, eine Null. Omi­kron und Ome­ga in einem. Anfang und Ende am sel­ben Punkt.

Der Titel will nicht andeu­ten, dass etwas fer­tig, abge­schlos­sen oder erle­digt sei. Er han­delt davon, dass etwas in sich ruhend wird. Eine Form, die kei­nen Aus­bruch mehr braucht.

Um mich her­um sin­gen wie­der die Vögel in mir.

Und dann, fast bei­läu­fig, das Post­skrip­tum: Die Enkel­toch­ter ist auf Rei­sen. Sprach­kurs. Die Form des Anfangs kehrt wie­der. Sie wie­der­holt sich nicht, sie öff­net sich.

Wie die Trich­ter­win­de am nächs­ten Morgen.

Das Foto mei­nes Fotos neh­me ich wohl mit ins Grab.

Und ich neh­me den Gedan­ken, dass mein Ver­such einer Ein­la­dung über eine sach­lich ent­kof­fe­inier­te Anspra­che (und das auch noch wesent­lich auf der Objekt­ebe­ne) viel­leicht doch kei­ne so gute Idee ist, so gute Idee war, mit in den Abend. Wäh­rend ich die­sen Gedan­ken in Wor­te fas­se, löst er sich. Er löst sich, weil die Beschrei­bung des Tex­tes dem Text ja nichts anha­ben kann, anha­ben kön­nen soll­te (oder etwa doch?) – wie schön!

Der Ball ist nun bei ihnen …

Das geschlos­se­ne Ele­ment (PDF) »

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