In Kürze: Von Königsberg nach El Biar – 206 Jahre 3380 km | Das/die Geschichte einer Begegnung, begleitet von pädagogischen und philosophischen Überlegungen
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Von Königsberg nach El Biar – Palimpsest
Von Königsberg nach El Biar
– 206 Jahre 3380 km
ein Palimpsest
Eine leere Karte
Bevor man ein Buch aufschlägt, hat man bereits eine Erwartung. Man erwartet, geführt zu werden – von einem Anfang zu einem Ende, von einer Frage zu einer Antwort, von der Unwissenheit zum Verstehen. Diese Erwartung ist so selbstverständlich, dass man sie kaum bemerkt – bis sie enttäuscht wird. Oder besser: bis sie überboten wird.
Lewis Carroll ließ den »Bellman«, den Anführer einer Expedition, eine Seekarte kaufen, die außer Beschriftung am Rand keinen Inhalt hatte. Himmelsrichtungen, Meridiane, Äquator, und in der Mitte fand sich lediglich unbedrucktes Papier. Die Crew war begeistert. Endlich eine Karte, die jeder versteht. Carroll nannte seinen Text »The Hunting of the Snark«, die Reisegeschichte einer Jagd auf etwas – auf etwas, was nicht verstanden wird, vielleicht nicht verstanden werden kann. Doch der Witz sitzt tiefer, als er zunächst scheint. Eine Karte ohne Inhalt ist nicht nutzlos, sie ist offen. Sie lässt den Leser die Mitte selbst bestimmen.
»Von Königsberg nach El Biar« beginnt an diesem Ort, der gleichzeitig die Mitte des Buches ist. Der Raum in der Mitte gehört Ihnen. Was Sie hineinlesen, hineindenken, hineinzeichnen – das ist Teil des Buches. Es wurde für Sie offen gelassen. Nicht aus Faulheit, sondern aus Überzeugung. Ein Buch, das alles erklärt, braucht keinen Leser. Es braucht einen Empfänger. Doch das hier ist anders gemeint.

The Hunting of the Snark – die Karte
Was verbindet Kant mit Derrida?
Manchmal liegt die interessanteste Frage nicht im Inhalt eines Buches, sondern in seinem Titel. »Von Königsberg nach El Biar« – das klingt nach Reisebericht, nach Wegbeschreibung, nach einer Strecke, die man abfahren kann. Aber weder Kant noch Derrida sind diese Strecke je gefahren. Sie haben sie nicht einmal als Strecke gedacht. Was also verbindet die beiden, außer dass der eine am einen Ende geboren wurde und der andere am anderen Ende?
Immanuel Kant wird 1724 in Königsberg geboren und verlässt die Stadt sein Leben lang kaum. Jacques Derrida wird 1930 in El Biar, einem Vorort von Algier, geboren und stirbt in Paris. Zwischen den beiden liegen 206 Jahre und 3380 Kilometer. Was sie wirklich verbindet, ist eine Frage, die beide nicht loslässt und die dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite verfolgt: Wie wird aus dem Allgemeinen das Besondere? Wie wird aus einem Gedanken dieser Gedanke – unverwechselbar, unhintergehbar, jetzt und hier?
Wie wird während einer Partie Schach aus einem Bauern der Bauer, der vielleicht genau diese Partie entscheidet?
Halpin unterbricht: »Ich würde das anders formulieren. Die Frage ist nicht, was Kant und Derrida verbindet. Die Frage ist, was zwischen ihnen verloren gegangen ist, und ob es sich lohnt, es zu suchen. Ich meine: ja. Stemme meint das auch – er sagt es nur nicht so direkt.«
Das Buch hat zwei Autoren. Guido Stemme schreibt und zeichnet auf – er hat einen Leib. Martin Halpin denkt und widerspricht. Er ist körperlos, hat keine biologische Begrenzung. Zuerst taucht er bei James Joyce, in einer Fußnote von »Finnegans Wake« auf, dann bei Gilbert Sorrentino in »Mulligan Stew«, jetzt hier. Er ist eine Romanfigur, die ihr Depot verlassen hat, weil sie Gesprächspartner braucht.
Zusammen schreiben sie über das, was entsteht, wenn Leiblichkeit und Virtualität aufeinandertreffen, und das ist hier nicht nur als akademische Frage zu verstehen. Es ist die Grundfrage jedes Gesprächs, jedes Textes, jedes Buches.
Wer die Geschichte dieser ungewöhnlichen Autorenschaft genauer kennenlernen möchte, findet sie in den Vorreden des Buches, die selbst bereits Teil des Denkens, nicht bloße Einleitung sind.

Bitte denken Sie nicht, dass hier KI im Spiel sein könnte. Der Text ist Anfang 2021 entstanden.
22 Züge – Die Regel gibt, indem sie nimmt
Schach hat den Ruf, ein Spiel für Geduldige zu sein – für Menschen, die bereit sind, viele Möglichkeiten gleichzeitig im Kopf zu halten und trotzdem nur einen Zug zu machen. Das stimmt. Aber es unterschlägt das Wesentliche: Schach ist vor allem ein Spiel, das zeigt, wie aus Einschränkung (Regeln sind auch Einschränkungen) Freiheit entsteht. Der Bauer darf am Anfang nur einen Schritt vorwärts. Genau deshalb kann er am Ende alles werden.
Die Struktur des Buches ist eine 1929 vorweggenommene Schachpartie – 22 Züge. (Gespielt und historisch verbürgt wurde sie erst 1930 in Warschau, ein gewisser Gliksberg führte damals die weißen, Mieczysław Najdorf die schwarzen Figuren.) Jeder Zug ist ein Kapitel. Jedes Kapitel öffnet einen Gedankenraum, der weit über das Brett hinausgeht. Man muss kein Schach spielen können, um diesem Buch zu folgen. Man muss nur bereit sein, die Spannung auszuhalten, die entsteht, wenn eine Regel ernst genommen wird, und wenn man erkennt, dass Freiheit ohne Begrenzung keine Freiheit ist, sondern Beliebigkeit.
»Ein Bauer wird der Bauer.« Das ist der letzte Satz des letzten Zuges, und er trägt das gesamte philosophische Gewicht des Buches – von Nikolaus von Kues’ Quidditas und Haecceitas bis zu Irzykowskis pałubischem Element, von Kants absolutem Raum bis zu Derridas Glas. Washeit und Diesheit: was ein Ding ist und dass es genau dieses Ding ist, hier und jetzt, unverwechselbar. Dies ist beileibe keine abstrakte Unterscheidung. Es ist die Frage, ob das Leben, das wir leben, wirklich unser Leben ist.
Halpin, trocken: »Ich habe den Satz geschrieben. Stemme hat ihn stehen lassen. Das war das Klügste, was er in diesem Buch getan hat.«

Was bedeutet es, dass »Ferdydurke« ein Anagramm von »Dr. Freud Key« ist? Wer hat diesen Namen erfunden – Gombrowicz, Witkacy oder der Absinth? Das Buch wird ihnen eine Antwort geben.
Zakopane, 24. Februar 1929, Sonnenuntergang 17:15 Uhr
Es gibt Begegnungen, die die Geschichte der Literatur verändert haben, ohne dass die Beteiligten es wussten – oder wissen wollten. Manche davon sind gut dokumentiert. Viele nicht. Und manche hat niemand aufgeschrieben, weil die Einzigen, die dabei waren, entweder geschwiegen haben oder nicht gefragt wurden. Dieses Buch schreibt eine solche Begegnung auf – mit dem vollen Bewusstsein, dass es Fiktion ist, und mit dem ebenso vollen Bewusstsein, dass Fiktion manchmal der einzige Weg ist, der Wahrheit nahezukommen.
Stanisław Ignacy Witkiewicz, der sich Witkacy nennt, wird am 24. Februar 1929 44 Jahre alt. Er besucht den 25-jährigen Witold Gombrowicz unangekündigt in der Pension Mirabella in Zakopane – mit schweren Stiefeln, einem Umschlag in der Hose und einer Flasche Absinth in der Tasche, deren Geschichte sie über Oscar Wilde, einen Dieb namens Pieret und Guillaume Apollinaire nach Polen geführt hat.
Gombrowicz öffnet die Tür, und der erste Satz sitzt:
»Gut, dass ich Sie nicht erwartet habe.« »Ja, sonst wäre ich sicher nicht gekommen.«
In zwei Sätzen ist eine ganze Beziehung etabliert: Freiheit, Schlagfertigkeit, gegenseitiger Respekt auf Augenhöhe. Eine stille Übereinkunft, dass hier nicht Meister und kein Schüler sitzen, sondern zwei Menschen, die beide etwas wissen und beide etwas nicht wissen.
Was folgt, ist ein Gespräch über Karol Irzykowski und Sigmund Freud, über Leon Chwisteks vier Wirklichkeitstypen, über die Mona Lisa und Ockhams Löffel, über einen Jungen, der ein gestohlenes Foto mit seiner Stempeldruckerei bedruckt und so Angst in Lust verwandelt. Und über einen Romantitel, der noch nicht existiert aber bereits in der Luft liegt, wie der Absinthgeruch im Zimmer.

Witkacy schreibt und druckt sein erstes Theaterstück, Karaluchy
Die Flasche leert sich. Die Eiszapfen vom Fenster schmelzen im kaschubischen Krug. Die Figuren auf dem Brett entwickeln ihr Eigenleben. Und irgendwo zwischen dem zweiten und dem dritten Glas entsteht, was rund acht Jahre später als »Ferdydurke« erscheinen wird – Gombrowicz’ erstes großes Werk, dessen Titel niemand je wirklich erklärt hat. Bis jetzt.
Halpin, der die ganze Zeit dabei war: »Ich war auch dort, versteckt im Louche. Man hört zwar schlecht, wenn man im Louche steckt, aber man versteht doch alles. Vielleicht versteht man sogar besser.«
Philosophie als Erfahrung und nicht als System
Es gibt Bücher, die Philosophie erklären. Und es gibt Bücher, die zeigen, wie es sich anfühlt, zu denken – nicht als Übung, nicht als Disziplin, sondern als das, was ein Mensch tut, wenn er wirklich mit etwas ringt. Das zweite ist seltener – und schwieriger. Es verlangt, dass der Autor sich nicht als Experte, der bereits weiß, zeigt. Er zeigt sich als Suchender, der noch nicht weiß und das aushält.
»Von Königsberg nach El Biar« ist ein solches Buch. Die Philosophen, denen es begegnet, sind keine Statuen – sie sind Gesprächspartner. Nikolaus von Kues zeigt, dass ein Kreis mit unendlichem Umfang von einer Geraden nicht mehr zu unterscheiden ist, und dass das keine Niederlage des Verstandes ist, sondern seine Befreiung durch die Vernunft. Ernst Cassirer spielt am 13. April 1945 in New York eine letzte Schachpartie, hält ein Seminar zum Semesterabschluss, geht durch den Morningside Park und stirbt auf einer Treppe – zehn Stufen vor dem Ausgang. Was mag er gedacht haben? Das Buch fragt es, ohne zu antworten. Lew Schestow – Lehrer von Bataille und über seine Texte auch Lehrer von Deleuze, im deutschsprachigen Raum kaum bekannt – hält die Paradoxie des Daseins für das Einzige, was ehrlich ist. Die Gewöhnung an logisches Denken empfindet er als eine Zerstörung der Phantasie.
Und Karol Irzykowski – Schriftsteller, Kritiker, Schachspieler, einer der vier Großen der frühen Tiefenpsychologie, von denen nur drei bekannt sind – schaut uns mit halb verdecktem Gesicht aus dem Buch an. Nur die Augen sind zu sehen, intensiv, unbewegt, fast unheimlich.

Karol Irzykowski – die schwarz/weiß-rote Position der Psychoanalyse.
Halpin, leise: »Er mag es nicht, wenn man zu viel über ihn spricht. Aber er liest mit. Immer. Und er bewertet.«
Das Buch ist übrigens auch eine Einladung, Karol Irzykowski zu entdecken – und mit ihm eine ganze Achse der europäischen Moderne, die im deutschen Sprachraum noch immer auf Resonanz wartet.
Was das Buch ist und was es nicht ist
Irgendwann tauchen bei allen ungewöhnlichen Büchern Fragen auf: Was ist das eigentlich? Wo stellt man es ins Regal? Unter welchem Begriff sucht man danach, wenn man es weiterempfehlen will?
Es ist kein Roman, kein Sachbuch, kein Kunstband. Jeder Gedanke wird von einem Bild begleitet, Text und Bilder schwingen in Schwebung. Schlegels 116. Athenäums-Fragment erscheint handannotiert auf einem Klemmbrett. Eine Holzmaserung lässt durch pure Symmetrie an Klees »Angelus Novus« denken. Ein gefundener Zettel unter einer Stuhlbespannung enthält einen maschinengeschriebenen Text über Kreativität und Wirklichkeitstypen. Seine Herkunft bleibt ungeklärt. Auf einem Teller liegt ein kleines Arrangement, das an Essen, Hans Arp oder algebraischen Geometrie denken lässt.

Essen, Hans Arp oder algebraische Geometrie
Das Wort auf der rechten Bereich des Covers lautet: PALIMPSEST. Ein Text, der über einen anderen geschrieben wurde, ohne den ersten zu tilgen. Wer genau hinschaut, liest beide. Wer nur flüchtig liest, liest immer noch. Wer zweimal liest, liest ein anderes Buch. Dieses Buch ist so gebaut – nicht als Rätsel, das gelöst werden muss, sondern als Raum, der sich mit der Zeit öffnet.
Halpin, abschließend – und zum ersten Mal ohne Ironie: »Ich habe lange auf ein Projekt gewartet, das mich wirklich beschäftigt. Das hier ist es. Nicht weil es fertig ist, sondern weil es das nicht sein will – und weil es die Ehrlichkeit hat, das zuzugeben.«
Eine letzte Frage: Was bedeutet 44?
Wer das Buch liest, wird einer Zahl begegnen, die nicht loslässt. Sie taucht als Altersangabe auf, als Seitenzahl, als polnisches Rätsel aus Mickiewicz’ »Dziady«, als Kants Alter im Jahr seines folgenreichsten Aufsatzes, als Derridas Alter im Jahre seines (mir) wichtigsten Buches, als die Buchstaben D und 4 auf den Bäuchen von Tweedledee und Tweedledum, als das Datum eines Abschieds … Das Buch gibt keine abschließende Erklärung. Es lässt die Zahl wirken, kehrt zu ihr zurück, umkreist sie und überlässt Ihnen, der Leserin, dem Leser (so) die letzte Deutung.
Was bedeutet Ihnen vierundvierzig, »czterdzieści i cztery«, vierzig und vier?
Die Einladung dieses Buches besteht wohl darin, zu lesen, um Fragen aufscheinen zu sehen, Fragen, die man vorher nicht hatte. Bleibende Fragen könnten eine Ernte dieser Lesereise sein – Fragen, die einen auf der Straße einholen, beim Frühstück, kurz vor dem Einschlafen. Das ist keine bescheidene Ambition. Es ist die einzige, die zählt, wenn es nicht um Antworten geht.
»Was nicht gedacht werden kann, muss sich ereignen.«
Das Buch ist hier.
Und welche Bringschuld hat die Feder denn überhaupt? Wie erschließt sich Text außerhalb der gefälligen Bahnen?
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